Kinder scheitern, Erwachsene stagnieren
Ein persönlicher Gedanke darüber, warum Kinder sich trotz Rückschlägen ständig weiterentwickeln – und weshalb wir Erwachsenen mit der Zeit oft in Stagnation geraten.Beitragsbeschreibung
5/19/20262 min read


Seit meine Tochter auf der Welt ist, beobachte ich Dinge, über die ich früher wahrscheinlich nie nachgedacht hätte. Sie ist jetzt acht Monate alt und lernt gefühlt täglich etwas Neues. Vor kurzem hat sie angefangen, sich überall hochziehen zu wollen. Am Sofa, am Couchtisch oder an meinen Beinen. Meistens klappt es nur kurz, dann verliert sie das Gleichgewicht und landet wieder auf dem Boden. Manchmal ärgert sie sich darüber. Trotzdem versucht sie es wenige Sekunden später erneut.
Und genau das fasziniert mich.
Sie denkt nicht darüber nach, ob sie vielleicht „nicht dafür gemacht“ ist. Sie schämt sich nicht dafür, dass etwas noch nicht funktioniert. Für sie gehört das Scheitern ganz selbstverständlich zum Lernen dazu. Hinfallen ist kein Rückschritt, sondern einfach ein Teil des Prozesses.
Je länger ich das beobachte, desto mehr frage ich mich, wann wir Erwachsenen eigentlich aufgehört haben, so zu denken.
Kinder haben einen natürlichen Drang, sich weiterzuentwickeln. Niemand muss ihnen erklären, warum Wachstum wichtig ist. Sie probieren aus, scheitern, versuchen es erneut und kommen Schritt für Schritt voran. Wir Erwachsenen dagegen werden mit der Zeit immer vorsichtiger. Irgendwann entsteht diese Angst davor, etwas nicht direkt gut zu können. Wir meiden Situationen, in denen wir uns unsicher fühlen könnten. Vielleicht, weil wir uns daran gewöhnt haben, funktionieren zu müssen.
Dabei vergessen wir oft, dass jede Fähigkeit, die wir heute selbstverständlich beherrschen, irgendwann einmal neu und unangenehm war. Laufen, sprechen, schreiben, Auto fahren, vor Menschen reden, Verantwortung übernehmen – nichts davon konnten wir sofort.
Trotzdem erwarten wir heute oft genau das von uns selbst.
Wenn etwas nicht schnell genug klappt, verlieren wir die Geduld. Wenn wir scheitern, zweifeln wir sofort an uns. Und irgendwann bewegen wir uns nur noch innerhalb der Dinge, die wir ohnehin schon beherrschen. Genau dort beginnt wahrscheinlich Stagnation.
Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen: Kinder haben kein Problem damit, Anfänger zu sein.
Sie definieren sich nicht über Perfektion. Sie wollen einfach lernen.
Ich merke jedenfalls immer häufiger, wie viel man von Kindern eigentlich wieder lernen könnte. Nicht im Sinne von Naivität, sondern in dieser Selbstverständlichkeit, Dinge auszuprobieren, ohne ständig Angst davor zu haben, sich zu blamieren oder zu scheitern.
Denn Wachstum fühlt sich selten bequem an. Wahrscheinlich war es das auch nie. Als Kinder akzeptieren wir das automatisch. Erst später versuchen wir, dieses unangenehme Gefühl möglichst zu vermeiden.
Dabei liegt wahrscheinlich genau dort die eigentliche Entwicklung.